Gedanken
von
Philippe Baumann
Kriminalkommissär i.R.
Philippe interessierte sich für das Zeitgeschehen und er machte sich so seine Gedanken dazu. Gedanken waren für ihn schon immer wichtig, und er liess ihnen zumeist freien Lauf. Sie liessen in ihm Erinnerungen und Erfahrungen mit Wünschen und Vorstellungen verschmelzen und schafften so die Möglichkeit, Neues zu entdecken und zu verwirklichen. Voraussetzung dazu war die Bereitschaft, offen und neugierig zu sein und die Herausforderungen des Lebens anzunehmen und zwar so, wie sie sich einem präsentierten: unvoreingenommen und dies trotz, oder vielleicht auch wegen, der Erfahrungen.
Erfahrungen waren für Philippe deshalb etwas Unermessliches. Sie lernten einem im Leben zu unterscheiden, ob etwas richtig oder falsch war. Sie lernten einem aber auch zu entscheiden, ob man den gleichen Fehler zweimal machen wollte, oder ob man dazugelernt hatte.
Erfahrungen waren für ihn auch deshalb unermesslich, weil sie sich nicht ausschliessen liessen. Sie gehörten einfach zum Leben und man musste sie annehmen. Sie gehörten zur Vergangenheit und waren damit fester Bestandteil in der Entwicklung. Letztlich lehrten sie einem die Gegenwart besser zu verstehen und zu bewältigen.
Aber genau hier fängt das Problem an. – Wir leben in der Gegenwart und handeln auch entsprechend. Wir sind nicht befähigt in die Zukunft zu schauen und unser Handeln vorherzubestimmen. Wir sind gefangen in unseren Denkstrukturen und lassen uns von diesen leiten.
Auch wenn wir uns noch so Mühe geben, gelingt es uns nur selten, wenn überhaupt, wohlweislich vorauszuschauen und dadurch Ungemach habzuwenden. Natürlich können wir bewusst «gut» oder «schlecht» handeln; letztlich bleibt es aber doch (zumeist) dem Zufall (oder vielleicht dem Schicksal) überlassen, wie das Ergebnis ausfallen wird. – Wir leben im Jetzt und daran lässt sich nichts ändern.
Ändern lässt sich einzig, wie wir mit unseren Erfahrungen umgehen. Sind wir bereit diese kritisch zu hinterfragen, so ist schon einiges dafür getan, Schlechtes abzuwenden und Gutes zu tun. Auch hilft einem der Umgang mit Erfahrungen, das Umfeld und die Umwelt besser einordnen zu können und dem Handeln in der Gegenwart eine bessere Zukunft zu geben.
Und genau dieser Umgang mit Erfahrungen ist dem Erinnerungsvermögen zu verdanken. Je klarer und genauer ich mich erinnern kann, desto bewusster ist die Erfahrung und desto unwahrscheinlicher wird es sein, dass im Hier und Jetzt unbewusst falsche Entscheidungen getroffen werden.
Dies ist eigentlich erhellend, aber auch beängstigend. Denn je mehr ich mich mit meinem Tun auseinandersetze, desto mehr muss ich mich für mein Handeln verantwortlich fühlen. Ich kann mich nicht mehr einfach entschuldigen und den Unwissenden spielen; ich muss lernen Verantwortung zu tragen. - Letztlich darf dies von uns allen erwartet werden.
Autor: Peter Baumgartner, Bern/Schweiz – www.peters-schreibe.ch


